Offener Brief als Dankschreiben der besonderen Art +++ Pokalsieger der AH am Grünen Tisch ermittelt +++ Grund: Spielertrainer wechselt sich kurz vor Schluss selbst ein und begeht damit kuriosen Wechselfehler

Liebe Alte Herren des SV Wisper Lorch,

da ihr euch bis heute nicht bei uns gemeldet habt, wollen wir euch mit diesem offenen Brief unsere unendliche Dankbarkeit mitteilen. Die ganze Fußball-Gemeinschaft darf und soll ruhig erfahren, was es für tolle Kerle in Lorch zu geben scheint. Da wir nicht wissen, ob euer Einspruch die Idee eines einzelnen Funktionärs oder eine Mehrheitsentscheidung war, sollen die sich angesprochen fühlen, die hinter diesem Protest stehen.

Wir danken euch, dass wir trotz unseres fortgeschrittenen Alters und dem Glauben schon alles auf dem Fußballplatz erlebt zu haben, noch staunen dürfen. Einen Pokalsieger der Alten Herren am Grünen Tisch hätten wir jedenfalls nie für möglich gehalten.

Wir danken euch für die Erkenntnis, dass die AH-Fußballer im Rheingau-Taunus-Kreis anscheinend ganz harte Burschen sein müssen. Während im Hessenpokal und mit Sicherheit in allen anderen Kreispokalen in diesem Bundesland viermal ausgewechselt werden darf, wurde aus welchen Gründen auch immer, jedenfalls ohne jede Not, diese seit Jahren bewährte Regel des Hessischen Fußballverbands (HFV) in unserem kleinen wehrhaften Fußballkreis geändert und  man durfte - schwupps - nur noch drei Auswechslungen vornehmen.

Wir danken euch für die Erleuchtung, dass wir fortan aber auch jede Durchführungsbestimmung, egal auf welchem Wege sie zu uns kommt, von A bis Z durchlesen werden. Ihr habt es uns vorgemacht, wie man es macht. Wenn wir wieder nicht aufpassen, wird zur nächsten Saison auf einmal erlassen, dass nur noch Spieler unter 100 Kilogramm auf den Platz dürfen (da hätten aber einige bei uns ein dickes Problem). Doch wir dürfen euch unter elf Fußball-Freunden schon jetzt verraten, dass wohl im nächsten Jahr wieder einfach die Bestimmungen des HFV übernommen werden und man damit auch wieder viermal wechseln darf. Aber nicht weitersagen!

Wir danken euch, dass wir aber mit unserem Unwissen in dieser Runde nicht ganz alleine waren. Dies ergab eine nicht repräsentative Umfrage unter AH-Verantwortlichen und eine kleine Recherche im Netz. Wie ist sonst zu erklären, dass eine AH-Mannschaft im laufenden Wettbewerb auch viermal gewechselt und gewonnen hat? Und was ist im Nachgang passiert? Nichts! Es hat wohl keiner gemerkt und auch keiner gewusst. Oder hat der Gegner einfach gelassen darüber hinweggesehen? Pikanterweise hat dann die siegreiche Mannschaft noch gegen euch gespielt und verloren. Hätte dieser Pokalwettbewerb dann in euren so korrekten Augen nicht völlig annulliert werden müssen? 

Wir danken euch, dass ihr uns vormacht, wie man aber auch wirklich jedes Schlupfloch in den Regeln entdeckt. Einfach schlau. Oder wie habt ihr herausgefunden, dass man den Torwart der ersten Mannschaft, der eigentlich mit einer Roten Karte gesperrt war, bei euch dann im Halbfinale der Alten Herren einsetzen konntet?

Wir danken euch, dass dieses schöne Wort Grüner Tisch mal wieder zum Vorschein kam. Man macht die ganze Farbenlehre durch. Erst haben wir unser blaues Wunder durch euch erlebt und dann haben wir uns Schwarz geärgert. Rot hat dafür euer Betreuer gesehen, der vom Schiedsrichter vom Platz gestellt wurde, es hätte aber euer Spieler auf dem Platz für die Notbremse Rot sehen können. Wir wollen aber auch nicht verhehlen, dass der Referee bei uns im Strafraum auf den weißen Punkt hätte zeigen können. Sind aber eben alles die berühmten Tatsachenentscheidungen. Oder stellt ihr jetzt auch den Antrag, in der nächsten Runde den Videobeweis bei den Alten Herren einzuführen? Das wäre ja eine rosarote Zukunft für die schwarze Zunft.

Wir danken euch, dass unser fast 50-jähriger Spielertrainer und Abteilungsleiter jetzt sein ganzes Leben davon erzählen kann, dass er spielentscheidend beim 3:2-Erfolg auf dem Platz eingegriffen hat. Selbst als vierter Mann kurz vor Schluss eingewechselt, trug er mit gefühlten zwei Ballkontakten im Mittelfeld (davon einer als Ballverlust) dazu bei, euch so in Schach zu halten, dass nicht mehr der Ausgleich fiel. Dafür darf er sich jetzt aber auch sein Leben lang über seinen Fauxpas mit den vier Auswechslungen ärgern. Er verriet uns aber, dass er im stillen Kämmerlein auch über die ganze Ironie der Geschichte schmunzeln muss, dass ihm ausgerechnet im letzten Spiel seiner Amtszeit so etwas unter diesen Umständen passieren musste. Na ja, immerhin sparen wir nun das Denkmal, das wir ihm bauen wollten. Rauswerfen konnten wir ihn leider nicht mehr, hat er doch schon vorher seinen Rücktritt angekündigt.

Wir danken euch, dass seine drei Nachfolger auf diesem Posten nun völlig ohne Druck das Unterfangen angehen können, endlich diesen Pokal nach Rauenthal zu holen. Als Titelverteidiger wäre man ja so richtig gejagt worden.

Wir danken euch, dass unser torgeiler Torjäger, dem an diesem Tage schwindlig wurde (vielleicht weil wir so oft hin- und hergewechselt haben) nun doch nicht ohne eigenes Zutun zu einem Tor kam. Im Internet wurde er nämlich als Torschütze geführt, obwohl er gar nicht getroffen hat. Kann man da eigentlich irgendwo auch Protest einlegen? Ihr wisst das doch bestimmt.

Wir danken euch, dass unser fünfter Mann auf der Bank nun doch seine Karriere fortsetzen muss, wollte er sie doch eigentlich mit dem Pokalsieg krönen. Und die arme Sau kann am wenigsten dafür, wollte er doch gar nicht eingewechselt werden. Wenn der wüsste, dass man in manch anderem Landesverband bei den Alten Herren sogar fünf Auswechslungen tätigen kann.

Wir danken euch für eure Großzügigkeit, dass ihr uns mit dieser Geheiminformation nicht am Tag des wahren Pokalsiegs behelligt habt. So konnten wir diesen Tag der Arbeit und puren Freude mit unseren geilen Fans (die waren übrigens auch besser als eure) ausgelassen und spontan feiern. Ein Erlebnis, das uns keiner mehr nimmt. Und dass ihr vielleicht auch mal erleben dürft.

Wir danken euch, dass wir durch euch auf die Idee kamen, jetzt einfach nochmal den „Pokalsieger der Herzen“ zu feiern. Die zwei offiziellen Pokale könnt ihr gerne haben (den Mut, sie bei uns abzuholen, habt ihr ja anscheinend nicht). Wir haben uns jetzt einen anderen (größeren) Pokal für den „wahren Pokalsieger“ gekauft und begießen das auch richtig. Der arme Kerl unter uns, der halt immer auf den HSV wetten muss, darf die Sause dann bezahlen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wir danken euch, dass wir das bei uns geflügelte Wort „erbärmlich“ jetzt nicht mehr nur in unserem Training (oder wie man das auch immer nennen mag) für die unzulänglichen Versuche, Fußball zu spielen, verwenden müssen. Nein, wir dürfen es jetzt auch für diesen unwürdigen Akt, unbedingt beweisen zu müssen, als schlechter Verlierer dazustehen, benutzen.

Wir danken euch, dass wir endlich ein neues Feindbild haben. Unser altes für ein Team aus dem Untertaunus ist in jüngster Zeit ein wenig verblasst. Aber jeder Verein braucht ja einen Rivalen, an dem man sich reiben kann. Wenn ihr Bedarf habt, wir stehen auch gerne für euch in dieser Rolle zur Verfügung.

Wir danken euch, dass dieses ganze unnötige Schauspiel auch kreative Kräfte freigesetzt hat. Wir wären sonst nie auf eine Wortschöpfung gekommen, die jetzt für einige Zeit die Runde machen wird. Es setzt sich aus dem wenig schmeichelhaften Wort für den Hintern und dem Bewohner eines Ortes am Rande des Rheingaus zusammen. Okay, ist eine kleine Denksportaufgabe. Aber ihr seid ja clever. Ihr löst das Rätsel. Wie gesagt, es muss sich nicht jeder angesprochen fühlen.

Wir danken euch, dass ihr uns nicht in die Verlegenheit gebracht habt, mit einer Verletzung dieser Durchführungsbestimmung (einfach ein herrliches deutsches bürokratisches Wort) überlegen zu müssen, Einspruch einzulegen. Vielleicht (wir hoffen es zumindest für uns) hätten wir einfach mal bei euch angerufen und gesagt: „Hey, ihr habt da einen kleinen, blöden Fehler gemacht. Wir sind aber alle Sportsmänner und sehen darüber hinweg. Wir hatten ein enges, hartes Pokalmatch, in dem ihr vielleicht einen Tick besser wart. Und scheiß drauf, ihr habt auf dem Platz gewonnen.“ Wir glauben, diese sportliche Größe hätte jedem gut zu Gesicht gestanden.

Wir danken euch, dass wir jetzt aber nicht noch fauler und fetter werden (bei manchen geht das kaum noch). Wir hätten uns sonst auf diesen Triumph auf alle Tage ewig ausgeruht. Jetzt müssen wir am Ende im Training noch in den Wald gehen (der ist ja bei uns direkt vor der Haustür) und in der Vorbereitung für den nächsten AH-Pokal Steigerungsläufe und Konditionstraining machen.

Wir danken euch, dass wir jetzt aber auch alle reich werden. Wir werden nämlich auf den nächsten Hessenpokalsieger der Alten Herren wetten. Das kann nur Wisper Lorch werden. Ihr werdet zwar alle Spiele auf dem Platz verlieren, dafür alle nachträglich am Grünen Tisch gewinnen. Weil Gegner A verbotenerweise vier Spieler mit linken Füßen im Team hatte, weil Gegner B vier Akteure hatte, die am 29. Februar geboren wurden, weil Gegner C vier Oldies hatte, die älter als 60 sind, und weil Gegner D vier als Alte Herren verkleidete junge Frauen in seinen Reihen hatte. Ach ja, falls ihr es vergessen haben sollt: Ihr dürft jetzt ganz regulär viermal einwechseln.

Wir danken euch auch dafür, dass der AH-Fußball in unserem Kreis auf einmal in aller Munde ist.  Ansonsten interessiert dieses Gekicke (wer will schon alten Säcken zuschauen, die nicht mehr so richtig können, wie sie wollen – leider auch in vielen anderen Lebenslagen) keine Sau. Nun wird darüber geredet. Wir müssen euch aber verraten, dass die meisten neutralen Fußballer und auch fußballfremde Menschen über das Nachspiel des Pokalspiels nur den Kopf schütteln können und sich fragen: „Was soll das?“

Und wir danken euch zuletzt, dass wir uns nun als moralischer Sieger fühlen dürfen (auch wenn wir gerne immer noch offizieller Pokalsieger wären). Doch das fühlt sich irgendwie immer noch besser an als erklärter Sieger am Grünen Tisch. Aber leider gehört zur bitteren Wahrheit auch, dass der wahre Fußball in dieser ganzen ärgerlichen Sache als Verlierer dasteht.

Mit sportlichen Grüßen

Die Alten Herren des SV Rauenthal

P.S.: Glückwunsch an alle, die bis hierher durchgehalten haben und die Befürchtung widerlegt haben, dass dieser Text viel zu lang für unser schnelllebiges Internetzeitalter sei. Und an alle, die jetzt sagen: „Die Rauenthaler sollen nicht so jammern, die sind doch selbst schuld.“ Ja, so kann man es auch sehen. Es gibt auch unter uns welche, die gesagt haben, wir sollen es gut sein lassen und sind zur Tagesordnung übergegangen. Doch es gibt eben auch welche, die sind tief enttäuscht, weil sie noch den (naiven?) Glauben an so etwas wie Ehre im Fußball hatten. 



Partner des SVR und der SG RaMa